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Sie fragte, wie es bei mir zu Hause laufe, und ich überlegte, was ich ihr erzählen sollte. Dass meine Mutter Bhagwan-Jüngerin und mein Bruder rechtsradikal geworden seien? Dass meine Eltern eine Krise hätten, mein Vater sich als „Halbjude“ entpuppt hatte und mein Großvater sich als Nazi? Und dass ich versuchte, möglichst schlechte Noten zu schreiben, um in der Schule nicht aufzufallen?


„Es läuft gut“, sagte ich. „Meine Mutter hat interessante neue Leute kennengelernt und macht große Fortschritte auf ihrem spirituellen Weg. Mein Vater arbeitet daran, biografische Elemente in seine Kunstaktionen zu integrieren, weil er erkannt hat, dass man Kunst und Leben eigentlich nicht trennen kann. Meine Eltern stehen in einem ständigen konstruktiven Dialog miteinander. Che emanzipiert sich langsam von zu Hause und macht seine eigenen Erfahrungen, er ist ja auch schon fast siebzehn. Und mir gelingt es immer besser, mich sozial adäquat zu verhalten, deshalb komme ich in der neuen Klasse gut zurecht.“
Margot ließ ihr Stopfzeug sinken und starrte mich entgeistert an.“Was bist du nur für ein seltsames Mädchen, Indie.“

India ist hoch intelligent. Und obwohl sie alles versucht um sich in der Schule einzugliedern wird sie von den andern Mädchen verabscheut. Indias Familie ist ihr nicht gerade hilfreich. Ihre Mutter, die man besten Falls als spirituelle Lehrerin bezeichnen kann, ist flatterhaft und schenkt ihren beiden Kindern kaum Aufmerksamkeit. Indias Vater betätigt sich als Performancekünstler, was Mitte der siebziger Jahre in der Nachbarschaft nur Abwertung findet. Gemeinsam führen ihre Eltern einen lockerem Erziehungstil, der ihnen die Möglichkeit gibt sich nicht um ihre Kinder zu kümmern. Indias einziger Verbündeter in ihrer Familie ist ihr Bruder, doch auch dieser entfernt sicher immer mehr von ihr und versucht auf der Suche nach Struktur radikal die Aufmerksamkeit seiner Eltern zu ergattern. Und auch ihre beste Freundin Bettina hat nur interesse an Jungs und keine Zeit mehr für sie. So steht die dreizehnjährige India allein in dem Chaos ihrer Familie und versucht herauszufinden, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Die Situation zwischen ihren Eltern und ihrem Bruder spitzt sich immer mehr zu. Langsam beginnt das Gerüst aus Lügen und Verdrängung ihrer Eltern einzustürzen, während Che und India noch verzweifelt versuchen in den Scherben sich selbst zu finden. Und gerade als India beginnt eine neue Leidenschaft für sich zu entdecken, wird ihre Vertrauen auf eine harte Probe gestellt. India muss sich entscheiden: Die Wahrheit zu erzählen – oder für immer zu schweigen.

Die Charaktere in dem Roman von Amelie Fried haben mir ausnehmend gut gefallen. India und ihr Bruder Che, die beide ihre Probleme bekämpfen. Ihre Eltern, die ihre Planlosigkeit nicht verbergen können. Alle Personen in diesem Buch werden authentisch dargestellt und ihre Geschichten sind vielfältig. Im Verlauf des Romans wird die Geschichte einer ganzen Familie, mit Höhe- und Tiefpunkten, beschrieben und zieht einen in seinen Bann. Wortgewandt und mit offenen Augen durchschreitet India ihr Leben und mit humorvollen Dialogen ist es ein Vergnügen ihren Weg zu verfolgen.
Mir hat besonders der Schreibstil von Amelie Fried gefallen und brachte mich dazu dieses Buch in einem Zug durchzulesen.
Das Ende hat mich gleichermaßen erfreut wie gestört. Das Buch lebt nicht von einem typischen dramatischen Schema mit einm Höhe- und Wendepunkt. Immer wieder greifen Höhepunkte und Wendungen ineinander und dafür kam mir das Ende zu plötzlich und abwegig. Doch passte es gut als Abschluss und hat mich somit zufriedengestellt.

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